Risiko & Recht
Risiko & Recht macht es sich zur Aufgabe, Rechtsfragen der modernen Risikogesellschaft zu analysieren. Berücksichtigung finden Entwicklungen in verschiedensten Gebieten, von denen Sicherheitsrisiken für Private, die öffentliche Ordnung, staatliche Einrichtungen und kritische Infrastrukturen ausgehen. Zu neuartigen Risiken führt zuvorderst der digitale Transformationsprozess und der damit verbundene Einsatz künstlicher Intelligenz; des Weiteren hat die Covid-Pandemie Risikopotentiale im Gesundheitssektor verdeutlicht und auch der Klimawandel zwingt zu umfassenderen Risikoüberlegungen; schliesslich geben gesellschaftliche Entwicklungen, u.a. Subkulturenbildung mit Gewaltpotential, Anlass zu rechtlichen Überlegungen. Risiko und Recht greift das breite und stets im Wandel befindliche Spektrum neuartiger Risikosituationen auf und beleuchtet mit Expertenbeiträgen die rechtlichen Herausforderungen unserer Zeit.
Abonnement
Print-Abonnement: CHF 200.00 pro Jahr
Bei Fragen: eizpublishing@europa-institut.ch
Editorial
Sehr geehrte Damen und Herren
Die vorliegende Ausgabe 2/2026 der Risiko & Recht deckt ein breites Themenspektrum aktueller Sicherheitsfragen ab. Eingangs analysieren Jan Grunder und Stefan Vogel die erweiterten Zuverlässigkeitsüberprüfungen im Zusammenhang mit der Ausstellung von Flughafenausweisen. Vor dem Hintergrund europäischer Sicherheitsvorgaben und der laufenden Revision des Luftfahrtgesetzes zeigen sie zentrale rechtliche und praktische Herausforderungen der künftigen Ausgestaltung solcher Überprüfungen auf.
Dirk Baier und Gian Ege befassen sich anschliessend mit der Entwicklung der Jugendkriminalität in der Schweiz zwischen 2020 und 2025. Ihre Analyse kommt zum Schluss, dass die verfügbaren Daten insgesamt auf stabile bis rückläufige Entwicklungen hindeuten und derzeit keinen Anlass für gesetzgeberische Verschärfungen im Jugendstrafrecht erkennen lassen.
Im Gastbeitrag beleuchtet Silvia Staubli Herausforderungen und Chancen der Polizeiarbeit in einer zunehmend diversen Gesellschaft und zeigt auf, wie gesellschaftliche Veränderungen sowohl die Polizeiarbeit als auch die Organisation Polizei beeinflussen.
Inesa Fausch widmet sich sodann der rechtlichen Einordnung der Verwertung von Organoiden und untersucht das Spannungsfeld zwischen dem Verbot der Kommerzialisierung menschlicher Körperbestandteile und eigentumsrechtlichen Marktlogiken.
Abgerundet wird die Ausgabe durch eine Buchrezension von Marcel Seiler zur Dissertation von Ronny Fischer über Kompetenzen im Schnittstellenbereich zwischen Gefahrenabwehr und Strafverfolgung.
Wir wünschen Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, eine anregende Lektüre und erlauben uns auf die Möglichkeit eines Print-Abonnements hinzuweisen.
Dirk Baier
Goran Seferovic
Franziska Sprecher
Armin Stähli
Stefan Vogel
Sven Zimmerlin
GRUNDLAGEN
Jan Grunder / Stefan Vogel*
Erweiterte Zuverlässigkeitsüberprüfungen im Zusammenhang mit der Ausstellung von Flughafenausweisen – Analyse der laufenden Revision des Luftfahrtgesetzes
Flughafenausweise ermöglichen den Zugang zu Sicherheitsbereichen von Flughäfen und stellen damit einen neuralgischen Punkt bei der Gewährleistung der Luftsicherheit dar. Der Beitrag untersucht die erweiterten Zuverlässigkeitsüberprüfungen bei der Ausstellung von Flughafenausweisen vor dem Hintergrund der europäischen Vorgaben und ihrer Umsetzung im schweizerischen Recht. Analysiert werden die geltende Rechtslage, die laufende Revision des Luftfahrtgesetzes sowie offene Fragen einer rechtsgleichen und praktikablen Anwendung.
* Dr. Jan Grunder ist Gerichtspräsident am Regionalgericht Oberland. Prof. Dr. Stefan Vogel ist Head Legal & Compliance bei der Flughafen Zürich AG. Der Aufsatz gibt ausschliesslich die persönliche Auffassung der beiden Autoren wieder.
Dirk Baier / Gian Ege*
Entwicklung der Jugendkriminalität in der Schweiz 2020 bis 2025: Kein Grund für gesetzgeberischen Aktionismus
Der Beitrag analysiert auf Basis der Schweizerischen Polizeilichen Kriminalstatistik die Entwicklung der Jugendkriminalität von 2020 bis 2025. Insgesamt ist der Anteil der 10- bis 17-Jährigen, die als Beschuldigte nach StGB registriert werden, um über 12 % gesunken; besonders deutlich sind die Rückgänge im Bereich der Vermögensdelikte. Bei den Gewalt- und Sexualdelikten bleiben die absoluten Zahlen an Beschuldigten sehr niedrig – kurz- oder mittelfristig sinken diese allerdings ebenfalls. Die beobachtete Zunahme bei Vergewaltigungen ist primär auf die Gesetzesänderung 2024 und eine erhöhte Anzeigebereitschaft zurückzuführen. Subgruppenanalysen nach Alter, Geschlecht und Aufenthaltsstatus zeigen überwiegend rückläufige Trends, mit Ausnahme eines Anstiegs einfacher Körperverletzungen bei 10- bis 14-Jährigen, der aber ebenfalls mit erhöhter Anzeigebereitschaft im Zusammenhang stehen könnte. Ergänzend wird auf Dunkelfelddaten zurückgegriffen, die eine Stabilität der Gewaltraten nahelegen. Insgesamt kommt der Beitrag zum Schluss, dass die empirische Evidenz für eine stabile bis rückläufige Jugendkriminalität spricht und daher Verschärfungen des Jugendstrafrechts derzeit nicht angezeigt sind.
* Prof. Dr. rer. pol. Dirk Baier ist Professor für Kriminologie und Mitglied des CrimeLab an der Universität Zürich sowie Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Prof. Dr. iur. Gian Ege ist Assistenzprofessor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich.
POLIZEI & MILITÄR
Silvia Staubli*
Polizei(-arbeit) in einer diversen Gesellschaft: Herausforderungen und Chancen
Gesellschaften verändern sich stetig, auch in der Schweiz. Unter anderem wurde die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten viel diverser und somit vielfältiger, was Eigenschaften oder Merkmale von Menschen innerhalb einer bestimmten Gruppe oder Organisation betrifft. Damit gehen unterschiedliche Wertevorstellungen, aber auch Ansprüche an die Polizei einher, was zu Herausforderungen führen kann. Zum einen betrifft dies die Polizeiarbeit in bzw. mit der Bevölkerung. Dies zeigt sich z.B. an einer zunehmenden Arbeitsbelastung durch neue oder einer Intensivierung bestehender Aufgaben, z.B. im Bereich politischer Demonstrationen oder gesetzlicher Regelungen. Zum anderen ist auch die Ausgestaltung des Arbeitsalltages innerhalb der Organisation Polizei davon betroffen, z.B. durch sich verändernde Ansprüche jüngerer Generationen von Polizistinnen und Polizisten. Gleichzeitig bieten sich aber auch Chancen, indem z.B. neue Ausbildungsformen oder Arbeitsmodelle eingeführt werden. In diesem Gastbeitrag werden solche Herausforderung und Chancen herausgearbeitet. Es wird darüber hinaus aufgezeigt, wie diese mit dem Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei zusammenhängen, welches in der Schweiz nach wie vor hoch ist.
UMWELT & GESUNDHEIT
Inesa Fausch*
Zur Verwertung von Organoiden: Zwischen persönlichkeitsrechtlichem Kommerzialisierungsverbot und eigentumsrechtlicher Marktlogik
Organoide werden als Prototypen menschlicher Organe beschrieben. Die Organoid – Technologie findet bereits Anwendung in verschiedenen Bereichen der Forschung, unter anderem in der Grundlagenforschung, der Krankheitsmodellierung, dem Arzneimittelscreening und der Entwicklung der personalisierten Medizin. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob eine kommerzielle Verwertung von Organoiden möglich ist. Im internationalen und nationalen Recht gibt es Normen, welche die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers und seiner Teile untersagen. Sie dienen dem Schutz der Würde und Persönlichkeit der Spenderperson, der Herkunft der dem menschlichen Körper entnommenen Teile sowie öffentlicher Interessen, namentlich der öffentlichen Gesundheit.
Organoide ahmen spezifische Teile menschlicher Organe nach und könnten daher als abgetrennte Teile des menschlichen Körpers angesehen werden, die von der Kommerzialisierung ausgeschlossen sind, wie beispielsweise Organe. Gleichzeitig handelt es sich bei Organoiden um kommerzialisierbare Produkte, beispielsweise Forschungsinstrumente, die aus den abgetrennten Teilen des menschlichen Körpers gewonnen bzw. entwickelt werden.
Dieser Artikel befasst sich damit, Klarheit über die Möglichkeiten der Kommerzialisierung von aus menschlichen Zellen entwickelten Organoiden zu schaffen.
BUCHREZENSION
Marcel Seiler*
Ronny Fischer, «Kompetenzen im Schnittstellenbereich zwischen Gefahrenabwehr und Strafverfolgung: Dargestellt am Beispiel der automatisierten Fahrzeugfahndung und Verkehrsüberwachung (AFV)»
Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) hat etwas mehr als 400 Kameras für die automatische Kontrollschilderkennung im Einsatz (AFV-System). AFV dient primär der Fahndung nach gesuchten Fahrzeugen, Personen und Gegenständen sowie zum frühzeitigen Erkennen von Gefahren für die Sicherheit im grenzüberschreitenden Verkehr. Es fehlt bislang eine systematische Analyse, welche das AFV-System sowohl verfassungsrechtlich als auch polizeirechtlich in den Kanon präventiver Eingriffsbefugnisse einordnet. Der Autor setzt sich daher zum Ziel, diese Forschungslücke zu schliessen. Er analysiert AFV umfassend. Das Werk überzeugt sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Hinsicht.