Risiko & Recht – Ausgabe 1 / 2026

Risiko & Recht

Risiko & Recht macht es sich zur Aufgabe, Rechtsfragen der modernen Risikogesellschaft zu analysieren. Berücksichtigung finden Entwicklungen in verschiedensten Gebieten, von denen Sicherheitsrisiken für Private, die öffentliche Ordnung, staatliche Einrichtungen und kritische Infrastrukturen ausgehen. Zu neuartigen Risiken führt zuvorderst der digitale Transformationsprozess und der damit verbundene Einsatz künstlicher Intelligenz; des Weiteren hat die Covid-Pandemie Risikopotentiale im Gesundheitssektor verdeutlicht und auch der Klimawandel zwingt zu umfassenderen Risikoüberlegungen; schliesslich geben gesellschaftliche Entwicklungen, u.a. Subkulturenbildung mit Gewaltpotential, Anlass zu rechtlichen Überlegungen. Risiko und Recht greift das breite und stets im Wandel befindliche Spektrum neuartiger Risikosituationen auf und beleuchtet mit Expertenbeiträgen die rechtlichen Herausforderungen unserer Zeit.

Editorial

Sehr geehrte Damen und Herren

Die vorliegende Ausgabe 1/2026 der Risiko & Recht deckt ein breites Themenspektrum aktueller Sicherheitsfragen ab. Eingangs befassen sich die Autorinnen und Autoren Laura Just, Jana Schmidt, Marvin Elli, Elisa Lanzi, Monika Zimmerli und Marcel Aebi mit der Frage, wann bei sexuellen Grenzverletzungen durch Kinder und Jugendliche ein psychologisches oder psychiatrisches Gutachten indiziert ist. Sie stellen das SOST-Y (Sexual Offending Screening Tool, Youth Version) vor und erläutern, wie anhand von Delikt‑, Umfeld- und Personen-Kriterien geprüft wird, ob eine ausführliche Begutachtung empfohlen wird.

Die Autorinnen Emma von Bock und Polach sowie Rachel Gerny analysieren nachfolgend polizeiliche Schutzmassnahmen bei häuslicher Gewalt und setzen diese in den bundesstaatlichen Kontext, insbesondere in Verbindung mit zivil- und strafprozessualen Massnahmen. Sie zeigen kantonale Unterschiede bei Voraussetzungen, Dauer, Verfahren und Rechtsschutz auf und beleuchten Spannungsfelder zwischen effektivem Opferschutz, Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe und der Verwertbarkeit von Aussagen im Strafverfahren.

Schliesslich behandelt der Beitrag von Jan Imhof die Strafbarkeit der Hinderung von Amtshandlungen nach Art. 285 und Art. 286 StGB und zeigt aus praxisbezogener Perspektive, dass spontane Eingriffe gegen polizeiliches Handeln in der Regel nicht gerechtfertigt sind.
Wir wünschen Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, eine anregende Lektüre und erlauben uns auf die Möglichkeit eines Print-Abonnements hinzuweisen.

Tilmann Altwicker
Dirk Baier
Goran Seferovic
Franziska Sprecher
Stefan Vogel
Sven Zimmerlin

GRUNDLAGEN

Laura Just / Jana Schmidt / Marvin Elli / Elisa Lanzi / Monika Zimmerli / Marcel Aebi*

Sexuelle Grenzverletzungen durch Kinder und Jugendliche: Indikationskriterien forensisch-psychologischer / ‑psychiatrischer Begutachtungen

Die Frage, ob ein psychologisches bzw. psychiatrisches Gutachten zur Beurteilung der Schuld- und Urteilsfähigkeit, der Rückfallwahrscheinlichkeit sowie der Massnahmenindikation indiziert ist, stellt Behörden immer wieder vor Herausforderungen. Das im folgenden Artikel beschriebene Instrument SOST-Y (Sexual Offending Screening Tool, Youth Version) dient als praxisnahe Orientierung bei der Beurteilung der Indikation eines psychologischen bzw. psychiatrischen Gutachtens. Die in diesem Zusammenhang entwickelten Indikationskriterien bei sexuellen Grenzverletzungen durch Kinder und Jugendliche orientieren sich an dem vom Kind oder Jugendlichen begangenen Delikt, dessen Umfeld und seiner Person und dienen als praxisnahe Orientierung. Mittels des SOST-Y wird geprüft, ob ein Delikt-Kriterium (z. B. schweres Hands-on-Delikt, Wahl eines deutlich jüngeren oder handlungsunfähigen Opfers, hoher Planungs- und Differenzierungsgrad oder auffälliges Verhaltensmuster) vorliegt und ob zusätzlich mindestens ein Umfeld- oder Personen-Kriterium (z. B. fehlende Aufsicht, Traumatisierung, Delinquenz, psychische Auffälligkeiten oder Reifedefizite) besteht. Ist dies der Fall, wird eine ausführliche Begutachtung empfohlen.

* MSc Laura Just und Lic. phil. Jana Schmidt haben in gleicher Weise an der Entstehung des Manuskript mitgewirkt (geteilte Erst-Autorenschaft). MSc Laura Just ist Fachpsychologin für Psychotherapie und Rechtspsychologie, in eigener Praxis (ABJ-Forensik, www.abj-forensik.ch). Lic. phil. Jana Schmidt ist Fachpsychologin für Psychotherapie und Leiterin von Fachblick GmbH, Solothurn. MSc Marvin Elli ist eidg. anerkannter Psychotherapeut bei der Kantonalen BEObachtungsstation (BEO), staatliche Institution des Kantons Bern und ist als Vorstandsmitglied und der Leitung Bereich Psychologie im Verein Allelon tätig (www.allelon.ch). Dr. med. Elisa Lanzi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Forschung und Entwicklung (F&E) und Leitende Ärztin beim Psychiatrisch Psychologischen Dienst (PPD) im Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich (JuWe). Lic. Iur. MAS Forensic Monika Zimmerli ist Stellvertretende Leitende Jugendanwältin bei der Jugendanwaltschaft See/Oberland im Kanton Zürich. PD Dr. phil. Marcel Aebi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter, mbA, bei Forschung & Entwicklung (F&E), Justizvollzug und Wiedereingliederung Zürich, Privatdozent an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich, Mitglied der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie der Universität Konstanz und forensischer Gutachter und Psychotherapeut in eigener Praxis (ABJ-Forensik, www.abj-forensik.ch).

POLIZEI & MILITÄR

Emma von Bock und Polach / Rachel Gerny*

20-mal am Tag – Polizeiliche Intervention bei häuslicher Gewalt kontextualisiert

Dieser Aufsatz analysiert polizeiliche Schutzmassnahmen bei häuslicher Gewalt und versucht diese in den bundesstaatlichen Kontext – insbesondere im Zusammenspiel mit zivilrechtlichen und strafprozessualen Massnahmen – einzubetten. Trotz meist ähnlicher Handlungsmöglichkeiten (Wegweisung, Kontakt- und Rayonverbote) zeigen sich zwischen den Kantonen deutliche Unterschiede bei Voraussetzungen, Dauer, Verfahren und Rechtsschutz. Untersucht werden zudem Spannungsfelder zwischen effektivem Opferschutz, der Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe sowie die Frage nach der Verwertbarkeit von Aussagen im Strafverfahren.

* BLaw Emma von Bock und Polach studiert im Master Rechtswissenschaften an der UZH, MLaw Rachel Gerny ist Substitutin bei der Landmann & Partner AG.

Jan Imhof*

Die (gewaltsame) Hinderung einer polizeilichen Massnahme oder: Wie Du mir, so ich Dir – Ein Perspektivenwechsel zum Amtsmissbrauch

In Verfahren wegen Art. 285 f. StGB wenden die beschuldigten Personen häufig ein, sich lediglich gegen unverhältnismässige Massnahmen der Polizei («Polizeigewalt») gewehrt zu haben. Dieser Einwand wird vermehrt bei Polizeieinsätzen an Kundgebungen erhoben und bleibt weiterhin aktuell. Der Aufsatz untersucht einleitend die Stufen von Hinderungshandlungen und grenzt sie gegenüber dem blossen Ungehorsam, den Mitwirkungspflichten im Verwaltungsverfahren und der Selbstbegünstigung ab. In einem zweiten Teil wird analysiert, in welchen Situationen ein Widerstandsrecht gegen polizeiliche Massnahmen besteht, und die Wechselwirkung von Amtsmissbrauch und Hinderungshandlung aufgezeigt.

* MLaw Jan Imhof, Rechtsanwalt, ist Mitarbeiter in der Strafabteilung am Regionalgericht Bern-Mittelland, Angehöriger der Militärjustiz und Ausbilder an der Interkantonalen Polizeischule Hitzkirch (IPH). Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen des CAS Polizeirecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, ZHAW, unter der Studienleitung von Dr. iur. Patrice Zumsteg entstanden.